Soll ich‘s wirklich machen? Sheila Heti geht in „Mutterschaft“ der Kinderfrage auf den Grund

Ich las „Mutterschaft“ während ich in einem Kinderbett lag und auch während meine Töchter Mama und Baby spielten. Für sie ist alles noch eindeutig. Ein sicherer Rahmen, um mich Sheila Hetis Suche nach der Antwort auf die Kinderfrage zu stellen, so dachte ich.

Am Ende ihrer 30er wird es für Sheila Heti, die sich nie ein Kind gewünscht hat, dringend: Soll sie mit ihrem Freund auch ein Baby bekommen oder sich endgültig dagegen entscheiden? Sie stellt sich dieser vielleicht wichtigsten Frage im Leben einer Frau mit all ihrer intellektuellen Kraft, ihrer Traurigkeit, ihrem Körper. Sie würfelt. Sie fragt jeden, den sie trifft. Sie lässt sich von den Überredungsversuchen ihrer schwangeren Freundinnen beeindrucken. Sie bemüht Wahrsagerinnen. Sie misstraut sich selbst.

Der Versuch, diese Entscheidung mit allen Mitteln zu durchdringen und zu treffen ist einer, der sich gegen die Biologie des eigenen Körpers richtet. Teilweise sind die kurzen Kapitel nach Zyklusphasen gegliedert, wobei die prämenstruelle Depression Metis eine wichtige Rolle spielt. Ihre Ratlosigkeit ist die der intellektuellen Frau, die von je her das nicht Eindeutige wählt. Wenn es nicht von vorherein klar ist, Kinder zu wollen, dann wird es schwierig, eine Entscheidung zu teffen. Zumal dies die einzige Entscheidung ist, die bis zu einem bestimmten Alter getroffen werden muss (obwohl sich Heti auch über die Möglichkeit des Freezing informiert).

Herausgekommen ist dabei ein Buch über das kollektive Kinderkriegenmüssen, über Sex und Liebe, Tränen und Freundinnen. Und vor allem ein Buch über die Kunst und das Schreiben und was es dazu braucht. Ein mutiges Buch angesichts der medialen und gesellschaftlichen Verklärung der Mutterrolle nach wie vor. Ein offenes und persönliches Buch. Viele Frauen kennen die Gedanken und sind mitten unter ihren Freundinnen, bei der Lektüre von Zeitungen und Blogs oder im Gespräch mit ihren Partnern damit allein. Zumal alle, die ihre Entscheidung bereits getroffen haben, die eigene Wahl oft vehement verteidigen, man denke nur an die große mediale Empörung über #regrettingmotherhood vor ein paar Jahren. Es sollte nicht so schwierig sein und es sollte möglich sein, darüber nachzudenken und zu sprechen.

Stellenweise ist die Lektüre wegen der Direktheit mit den sie Fragen aufwirft sehr aufreibend. Egal, ob ich in einem gemütlichen Kinderbett liege oder nicht – ihr Nachdenken betrifft im Kern die Frage nach dem guten und selbstbestimmten Leben. Ich kenne viele ihrer Gedanken und glaube letztlich stellen sie sich mit und ohne Kinder immer wieder. Also: ja, nachdenken und lesen.

Sheila Heti: Mutterschaft. Aus dem Englischen von Thomas Überhoff. Reinbek: Rowohlt 2019, 316 Seiten.

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