Das Buchcover der Edition-Suhrkamp-Ausgabe

Gesine und ich. Re-reading Uwe Johnsons „Jahrestage“

Ich habe gerade die Jahrestage zu Ende gelesen – ein ganzes Jahr lang jeden Tag einen Tag, ungefähr. Ich hatte auf diese Weise ein Jahr lang ein gutes Buch, das sich auch auf dem Spielplatz bequem lesen ließ. 

Nun verspüre ich die leichte Trauer, wie sie nur ein wirklich guter und  langer Roman hinterlassen kann. So war es auch nach meiner ersten Lektüre im 5. Semster mit Jan, als wir die vier Bände in ein Lesepensum von 300 Seiten pro Woche rationiert bekamen. Danach waren wir benommen und lasen anders. Im letzten August habe ich – angeregt durch den FAZ-Blog von Birte Förster – zum 50. Jahrestag des ersten erzählten Tages mit meiner zweiten Lektüre begonnen.

Darum geht es

Zwischen August 1967 und 1968 erzählt die vierunddreißigjährige Gesine Cresspahl aus Mecklenburg ihrer Tochter Marie die Geschichte ihrer Familie. Gesine und Marie sind allein in New York, Maries Vater Jakob, der immer quer über die Gleise ging, starb bei einem Unfall. Die Kapitel bestehen aus einem Eintrag für jeden Jahrestag und sind zunächst nur einige Seiten lang. Mal sind sie in sich geschlossene, brilliante Miniaturen über den Alltag in New York, das Zeitungslesen und Straßenszenen. Mal wird der große Erzählfaden weitergesponnen, der mit der Familiengründung Heinrich Cresspahls mit Lisbeth Papenbrock in den 1930er-Jahren beginnt. Es ist ein großer Familienroman und eine Zeitstudie über das Amerika des Jahres 1967/68, über den Vietnamkrieg und den Nationalsozialismus. Und es ist ein Buch, das sich aus vielen Kleinigkeiten zusammensetzt.

Gesine als Fulltime-Working-Mom

Die Gedanken einer alleinerziehenden Fulltime-Working-Mom habe ich nun als Mutter anders gelesen. Gesine arbeitet als Übersetzerin bei einer Bank und finanziert so die teure katholische Privatschule ihrer Tochter. Ihr Job läuft gut, dennoch hadert sie damit, nicht genug Zeit für Marie zu haben. Aber sie entscheidet sich bewusst für das Leben als Working-Mom und schlägt die Versorgungs-Angebote ihres Partners D.E. in den Wind (nicht aber ihn selbst).

Ich freute mich mit Gesine über Komplimente für ihre Figur; zu ihrem Alter meint der Erzähler, dass sie bald schon die Schuhe nicht mehr nach der Eleganz, sondern nach der Bequemlichkeit aussuchen werde. Nun ja. Meine alten Spielplatzsneaker.
Mit Gesine fühlte die ich Beklemmung, Irritation und Schuldgefühle einer deutschen Mutter, die auf dem Spielplatz im Riverside Park Mrs. Ferwalter kennenlernt, eine Jüdin aus Ungarn, deren Deutschkenntnisse aus dem Konzentrationslager stammen. Ihre Töchter freunden sich miteinander an. Wie übrigens der Spielplatz aussehen muss, davon habe ich im Katalog von The Playgroud Project eine Vorstellung gewonnen.

Zwischen Erinnern, Erfreuen und Erbeben

Johnson ist ein unsentimentaler und humorvoller Autor, der anspielungsreich und präzise schreibt. Bei aller postmodernen Montagetechnik versteht er es, seinen Figuren eine Lebendigkeit und Freundlichkeit zu verleihen, die mir als Leserin sehr nahe gegangen ist. So sind die vielen harten Wendungen dieser Familiengeschichte zwischen persönlichen Verlusten und politischen Umwälzungen nicht immer leicht zu ertragen.
Es ist ein Buch über das Erinnern, das Alleinezurechtkommen und das Woanderssein. Gerade darin ist es in manchem vielleicht erst für unsere weitgereiste und flexible Generation verständlich, die vieles hinter sich gelassen zu haben glaubt. Ich wünsche diesem Buch viele treue Leser und freue mich auf die nächste Lektüre in 12 Jahren.

Uwe Johnson: Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl. 4 Bd. (suhrkamp taschenbuch 4455), 2150 Seiten. (Erschienen zwischen 1970 und 1983)

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