Gender und Spielplatz

„Das ist unser Hof, hier können die Jungen Fußballspielen,“ sagte die Kita-Leiterin (freundlich, katholisch, schon etwas älter), als wir den Kindergarten unserer Töchter zum ersten Mal besichtigten. Ich war nicht begeistert. Brauchen Mädchen andere Spielplätze als Jungen?

Berlin und München haben 2018 ihre öffentlichen Spielplätze teilweise auf Gendergerechtigkeit hin überprüft. Das Ergebnis: Viele Spielplätze werden den zugrunde gelegten Kriterien nicht gerecht. In Pankow seien laut BZ etwa nur 57 von 211 Spielplätzen gendergerecht. Auch das Frauenbüro der Stadt Mainz hat einen Kriterienkatalog vorgelegt, der Empfehlungen zur Spielplatzgestaltung nach Gendermethoden enthält. Damit soll das Gender Mainstreaming, dem sich die Stadt Mainz seit 2002 verpflichtet hat, auch im täglichen Handeln berücksichtigt werden, so das Frauenbüro.

Wer spielt wie?

Die SZ entsprach im Mai 2018 einem Klischee, demzufolge auf Spielplätzen Jungen lautstark Fußball spielten, während Mädchen auf den Schaukeln säßen und sich miteinander unterhalten wollen. Das kann ich aus meinen Beobachtungen mit Kleinkindern nicht bestätigen. Bekannt ist allerdings auch durch wissenschaftliche Studien, dass Mädchen ab dem Alter von 10 oder 11 Jahren auffällig im Bewegungsdrang zurückfallen und lieber drinnen spielen und sich unterhalten – genau in diesem Alter glauben sie auf einmal auch, nicht gut in Mathe zu sein und verlieren an Selbstbewusstsein. Eine Befragung unter Münchner Jugendlichen bestätigte diese Entwicklung.
Von kleineren Kindern ist dabei nicht die Rede und ich glaube, das ist auch gut so. Auf dieser Grundlage war es der Stadtverwaltung München in diesem Jahr ein Anliegen, den Mädchen attraktivere Spielgelegenheiten zu bieten, um sie nicht auszuschließen. Dazu zählt beispielsweise die Möglichkeit, sich in einen geschützten Raum zurückzuziehen, zum Beispiel ein „Mädchen-Haus“. Ich frage mich allerdings, ob eine derartige Umgestaltung die präpubertären Mädchen vom Hocker reißen würde. Vielleicht spielen auch andere Gründe ein Rolle, seien sie genetisch bedingt oder durch das Geschlechterklischee, demzufolge Mädchen zumindest ab einem bestimmten Alter sich ordentlich benehmen und nicht wild sein sollen. Ob sich daran etwas ändert, wenn sie auf Spielplätzen brav in einer geschützten Ecke sitzen, während die Jungs Fußball spielen?


Die eigentlich entscheidende Frage ist aber: Was kann man tun, damit Mädchen auch Fußball spielen dürfen, wenn sie es wünschen? Wie kann man sie darin stärken, das zu tun, worauf sie Lust haben. Und die Jungen ebenso. Bei der Bewegungssozialisation spielt zum Beispiel auch Kleidung eine Rolle: Mit einer Matschhose und Turnschuhen kommt man auf dem Spielplatz natürlich weiter als mit einem schicken Minirock (Vgl. dazu Häfner und Kerber S. 93). Entscheidender noch ist aber die Frage, was als mädchenhaft gilt und was nicht: „Auch wenn Mädchen heute theoretisch auf Bäume klettern dürfen bzw. ihnen das niemand mehr explizit verbietet, so wissen sie doch sehr genau, dass das nicht für mädchenhaft gehalten wird.“

Kriterien der Gender Mainstreaming

Die Kriterien des Mainzer Frauenbüros finde ich gerecht und im Grunde gar nicht genderspezifisch: Es geht zum Beispiel darum, dass bei der Planung neuer Spielplätze Mädchen und Jungen hinzugezogen werden. Bei der Gestaltung von Spielplätzen soll darauf Wert gelegt werden, dass es sowohl Flächen für Bewegungsspiele wie auch für ungestörtes Spiel auf kleinerem Raum gibt. Also ein Fußballtor und Schaukeln beispielsweise. Außerdem geht es um Barrierefreiheit, Sitzbänke und ein Konzept zur Konfliktlösung – alles in allem Kriterien, die ein gerechtes und friedliche Spiel hochhalten und das finde ich gut so. Die Berliner Fassung enthält auch Fragen nach geschlechtsspezifischen Spielgeräten.

Einfach nur bunt

Spielplätze sind vielleicht die letzten und noch dazu öffentlichen Kindheitsorte in der neokapitalistischen Gesellschaft, die gleichermaßen für Mädchen und Jungen offen sind. Spielgeräte sind meist einfach nur bunt. Es gibt keine Prinzessinnentürme und die mir bekannten Piratenschiffe werden ebenso selbstverständlich von Mädchen wie von Jungen beklettert. Das ist erstaunlich, immerhin gibt es kaum Produktbereiche für Kinder, in denen die Markierung in rosa und blau keine Rolle mehr spielt. Egal ob Wundpflaster, Spielplatzkleidung oder Badeschaum – die meisten Produkte sind geschlechtsspezifisch gestaltet. Und auch die meisten Spielzeuge. Lego gibt es für Jungen oder für Mädchen jeweils in eigenen Produktlinien. Das führt auch dazu, dass Jungen und Mädchen unterschiedliche Spiele spielen. Nicht nur das – gewiss spielen Rollenvorbilder und genetische Dispostionen dabei auch eine wichtige Rolle. Aber auch das Angebot. Öffentliche Spielplätze haben darum meiner Meinung nach auch die wichtige Aufgabe, alle Geschlechter auf neutralem Boden zusammenzubringen.

Meine Töchter besuchen beide den eingangs erwähnten Kindergarten und ich habe sie dort noch nie mit einem Fußball angetroffen. Zu Hause kommt das manchmal vor. Aber zum Glück gibt es auch dort vor allem im Außenbereich viele Spiele, die allen Kindern gefallen: Dreiräder, im Bambuswald spielen, mit Matsch kochen oder sich darin suhlen, Rohre zusammenbauen usw.
Ich glaube, ich bin auch so gerne mit meinen Kindern draußen, weil es da eben keine Rolle spielt, ob sie rosa oder blau schöner finden. Wir freuen uns über Spielplätze, die offen für alle Spiele und Bedürfnisse sind. Für kleine und große Kinder, solche, die gerne klettern und solche, die lieber planschen.

Literaturhinweis: Das Zitat zum Spielverhalten von Mädchen stammt aus diesem empfehlenswerten Sachbuch:

Gabriele Häfner u. Bärbel Kerber: Das innere Korsett. Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen. München: C.H. Beck 2015.


Ein Gedanke zu „Gender und Spielplatz“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.