Der Roman einer kinderlosen Mutter: Elena Ferrantes „Frau im Dunkeln“

Ein perfekter Strandroman lässt sich schon jetzt sehr gut auf dem Spielplatz lesen: In Elena Ferrantes frühem Roman Frau im Dunkeln spielt Sand eine erfreulich wichtige Rolle. Vor allem aber ist es ein intelligent konstruierter Text über Kinder, Unabhängigkeit, Familie und Bindung.

Zwei Töchter und ein eigenes Leben

Frau im Dunkeln ist die Geschichte einer Mutter zweier erwachsener Töchter. Er entspinnt sich zunächst harmlos: Die Wissenschaftlerin Leda verbirgt einen Sommer allein und mit viel Lektüre in einem italienischen Badeort. So kann es also einmal sein, dachte ich ein wenig neidisch. Aus der Badeidylle einer unabhängigen Frau wird nach und nach die Geschichte einer sozialen Eingrenzung und Beschränkung weiblicher Lebensläufe. Leda beobachtet am Strand eine lautstarke neapolitianische Großfamilie, in deren Mitte sie die junge Mutter Nina zärtlich mit ihrer kleinen Tochter spielen sieht. Doch bald zeigt sich eine andere Seite nicht nur an Nina, sondern auch an Leda selbst. Sie hat ihre eigene Familie verlassen hat, als ihre Töchter 3 und 5 Jahre alt waren. Weil ihre wissenschaftliche Karriere nicht voran kam und sie ihren Mann nicht mehr liebte (dafür einen alten Wissenschaftler). Weil sie den aufreibenden Alltag mit Kleinkindern nicht länger ertrug und es ihr nicht gelang, viel besser als ihre eigene Mutter zu sein. Weil sie keinen Ausweg sah. 

Au revoir les enfants

Die eigenen Kinder verlassen? Das zählt für die meisten Mütter wohl zu den absolut tabuisierten Gedanken – und genau daran sollte gute Literatur immer rühren, finde ich. Elena Ferrantes Roman steuert zielgenau auf die Unmöglichkeit eines eigenen Lebens für Frauen zu und spitzt in beiden Mutter-Figuren das Thema gekonnt zu. Die anfangs helle und klare Sicht auf die Dinge wird immer trüber und ungewisser. Durch Ledas irritierendes Verhalten gegenüber Nina und ihrer Tochter wird die Leserin immer mehr in ihre Perspektive hineingezogen und nähert sich mit ihr dem Verdrängten. Stellenweise war die Atmosphäre so bedrohlich, dass ich zur Beruhigung zwischendurch ein bisschen Knausgård las. Das alles ist sehr gekonnt und zeigt ein großes Spektrum weiblicher Lebensbilder und wie sie nebeneinander bestehen. Aber nicht allen Frauen gelingt es, die Perspektive zu wechseln und die sozialen Begrenzungen zu überwinden.

Kind? Karriere? Ja wohl beides!

Die Ausschließlichkeit von Karriere und Familie, Hingabe und Selbstbestimmung ist literarisch sehr reizvoll. In den weiblichen Lebensläufen ist aber seit dem Erscheinen in Italien 2006 viel passiert – Ledas Erfahrungen als junge Mutter spielten sich ja in den 1980er Jahren ab. Es gibt immer mehr Möglichkeiten, zwischen den Entwürfen zu wechseln oder zumindest verbreitete Ansätze dazu. Elternzeit für Väter und Wiedereinstiegprogramme für Frauen sind nur ein Teil der familienpolitischen Maßnahmen, die langsam, aber zunehmend fruchten und immer mehr Frauen eine berufliche Existenz erlauben. Wenn sie es denn wollen.

Elena Ferrante: Frau im Dunklen. Übersetzt von Anja Natteford. Berlin: Suhrkamp 2019, 188 Seiten.

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