Reclamhefte ausgepackt! Karen Duves Roman über die Jugend der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff

An sehr schlechten Tagen sage ich manchmal zu N.: „Ich komme mir vor wie im 18. Jahrhundert!“

Dann war ich den ganzen Tag nur mit Kindern und Haushalt beschäftigt und habe ich mich kaum aus dem Haus bewegt. Wie wenig diese Klage bei einer gut ausgebildeten Frau im 21. Jahrhundert doch berechtigt ist, und wie viel frühes 19. Jahrhundert dennoch manchmal im meinem Gefühl, verhindert zu sein, steckt – darüber habe ich bei der Lektüre von „Fräulein Nettes letztem Sommer“ nachgedacht.

Ein „glotzäugiges Freifräulein“

Über das Leben der begabten, stürmischen, verbal immer etwas unpassenden Annette von Droste-Hülshoff vor ihren ersten Veröffentlichungen hat Karen Duve einen heiteren Roman geschrieben. Er ist gut recherchiert, wie das umfangreiche Literaturverzeichnis belegt; doch kein bisschen trockene Germanistenprosa. Schon im ersten Absatz hat mich Karen Duves Tonfall begeistert:
„Es war früh am Morgen. (…) Aus einem Buchenwald traten ein kleiner, grundhässlicher Mann namens Heinrich Straube und ein zartes, sehr blondes und etwas glotzäugiges Freifräulein.“
Im Morgengrauen im Freien umherzuschleichen, noch dazu in männlicher Gesellschaft, war für ein Freifräulein keineswegs schicklich und vorgesehen. Dieses schrieb zusätzlich auch noch Verse und mischte sich in die Gespräche der Männer ein. Nachdem ihr einen Sommer lang die männlichen Besucher auf dem Börkerhof der Familie zu Füßen lagen, wurde sie zum Opfer familiärer und vor allem männlicher Intrigen.

Frauenalltag im frühen 19. Jahrhundert

-Und zurückgeworfen in einen – freilich privilegierten – Alltag im Schoß der Familie, in dem Verwandtenbesuche, Handarbeiten, Familiendiners und Hausmusik einander abwechselten. Frauen heißen Ferdinandine und Adolphine, Wilhelmine und Ludowine als seinen sie bloß die namentlichen Anhängsel der Männer. Zwischendrin passiert auch immer wieder nicht viel, außer langen Spaziergängen, Gesprächen und Mußestunden – das müssen Leserin und Leser aushalten und werden sehr belohnt. Karen Duve gelingt es, die Unannehmlichkeiten und Einschränkungen dieser weiblichen Vergangenheit zu vergegenwärtigen. Ihre Beobachtungen sind aus der Gegenwart getroffen, schließlich waren viele Zeitgenossinnen nicht an ihrer sozialen Unterdrückung interessiert, sondern eher an ihren Handarbeiten. Gerade die Normalität eines Lebens, das jenseits von Talenten und Ambitionen verlief, vor nur zweihundert Jahren beunruhigt bei der Lektüre. Dieses Gefühl erinnert mich an „A Handmaid’s Tale“ von Margaret Atwood, das ja gekonnt mit der Möglichkeit des Verlusts von Freiheit spielt. Dass Frauen ein räumlich und geistig beschränktes Leben geführt haben ist lange her, aber vielleicht nicht so weit weg, wie wir es gerne hätten.

Aber das Buch ist kein reiner Emanzipationsroman, sondern auch ein unterhaltsames und anregendes Buch über Märchensammler, Kutschfahrten, Regenarten und betrunkene Studenten mit literarischen Ambitionen. So kann ich ihn nicht aus der Hand legen, ohne nach dem Reclamheft der „Judenbuche“ zu suchen und mir die Grimm-Biografie zu merken. Also: Reclamhefte raus!

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer.Galiani Berlin, 2018, 468 Seiten.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.